Kälte

August 23rd, 2010

Ein Hauch warmen Lichtes wandert langsam über mein Gesicht. Die Wärme der kosmischen Energie belebt meine kalte feuchte Haut und haucht meinem Körper langsam wieder neue Energien ein. Energien die mein geschundener Leib mehr als nötig hat und die mir die Kraft geben, für das was heute auf mich wartet.
Langsam erreicht die Wärme meine Augen und wie ein Feuer brennt sich die Helligkeit des Lichtes durch die Augenlieder und ein feuriger Lichtschein der in meinen Augen schmerzt umhüllt mich und erweckt mich aus meinen Gedanken. Leben kehrt wieder in meine Glieder und mein Geist sammelt sich, um wieder in die Realität einzutreten. Mit meiner Hand versuche ich das brennende Licht von meinen lichtempfindlichen Augen abzuhalten und als der Schatten meines Armes meine Augen überdeckt und die brennenden Schmerzen langsam verschwinden, öffne ich diese vorsichtig.
Allmählich komme ich vollkommen zu mir, die Realität hat mich wieder. Der Übergang von Traumwelt zur Realität wird immer schwerer und in meinem Gedanken keimt die Frage ob dies nun wirklich die Realität ist oder doch nur ein weiterer Traum. Vor meinen Augen ein Arm, überzogen von zahlreichen alten und frischen Schrammen und Kratzern und einigen tiefen alten Narben, der zu unwirklich scheint, als das dies wirklich mein eigener wäre, umhüllt von einem hellen Schein aus gebündelten Licht. Gerade genug Schatten spendend, daß meine Augen nicht mehr vom Licht geblendet werden und der brennende Schmerz aus den Augen weicht. Zuerst nur ein schwarzer Schatten, erkenne ich nun die Wunden immer deutlicher und das frisch geronnene Blut, die von den Torturen des letzten Tages stammen. Torturen, die mir schon lange nichts mehr anhaben können. Schmerz ein täglicher Begleiter, ein Freund den ich nicht mehr missen will auch wenn ich weiß, daß er mich eines Tages töten wird.
Langsam richte ich mich auf meiner harten Liegestätte auf und versuche weiterhin mit dem Arm das grelle Licht von meinen Augen fernzuhalten. Mit jeder Bewegung meiner Muskeln fahren schmerzende, teils betäubende Impulse durch meinen Körper, bis ich aufrecht sitze und versuche mir wieder der Realität bewusst zu werden und auf meine Sinne einwirken zu lassen.
Diese herrliche Stille, die mich umgibt. Kein Laut dringt an meine Ohren und ich genieße es. Doch es fehlt was, nein, da ist es doch, das leise tropfen von Wasser, das von irgend einem Stein an der feuchten Wand neben mir ständig und unablässig in seinem trägen Takt zu Boden fällt und mit einem glucksenden Geräuschen wieder von der Stille verschluckt wird. Der Takt der Zeit, mein ständiger Begleiter hier in diesem engen Raum, der mir zeigt, daß ich noch am Leben bin. Ich stelle mir vor wie sich das Wasser immer tiefer in den Boden frisst. Mit jedem Tropfen etwas Sand aus den Stein heraus wäscht und so immer tiefer in ihn eindringt. Sich immer tiefer hineinfrisst bis es einen Weg durch den Stein in die Freiheit gefunden hat. Ein Spiel der Endlosigkeit, ein Spiel das ich schon so lange verfolge.
Ich betrachte die uralten Steine die mich umgeben, die ständige Feuchtigkeit, ein glitschiger Film, der sie umhüllt und ihnen eine tödliche Kälte verleiht. Eine Kälte die sie an jedem weiter geben, der sie berührt oder längere Zeit in ihrer Nähe verweilt. Eine Kälte die alle Glieder durchdringt und sich bis ins Knochenmark durchfrisst und einen Körper erstarren lässt und wie der eiserne Griff des Todes seine Beute nicht mehr so leicht loslässt.
Nur ein kleiner gebündelter Lichtstrahl ist das einzige, was hier in diesem Verließ einem Lebewesen neue Energien und etwas Wärme zurückgeben können. Mein einziger Anhaltspunkt um zu entscheiden, ob es Tag oder Nacht ist. Doch zu lange ist dieses Verließ schon mein zuhause um noch zu wissen, wie viele Tage und Nächte ich bereits hier verbracht habe. Ich bin ein Teil dieser Mauern, bin eins geworden mit seiner Einsamkeit und Kälte. Seine Kälte hat meinen ganzen Körper durchflutet und ich bin das einzige Leben, das diese kalten Steine mit Energie versorgt, Energie des Lebens, meines Lebens. Die ehemalige Wärme meines Körpers im Gegenzug mit dem eins werden mit der Kälte des alten Gemäuers. Die Kälte des Todes. Ewige Kälte die bereits mein Herz fest umschlossen hat und auch meinen Geist.
Mit leeren Blick starre ich auf den schmalen Lichtstrahl, der sich wie ein Fremdkörper von der Dunkelheit abhebt. Wenige Staubteilchen tanzen ihren endlosen Tanz in dem Licht und unterhalten mich mit der Schönheit ihrer geschmeidigen und ruhigen Bewegungen. Wie Tänzer die Wissen, daß ihnen die Ewigkeit gehört, tanzen sie ununterbrochen hin und her. Ein Schauspiel welches mich fesselt, ein Reigen der Bewegung den ich mit all meinen Sinnen verfolge. Ein Anblick der mich alles um mich herum vergessen lässt, auch die Kälte die mich quält.
Bald ist es wieder soweit. Sie werden kommen und diese Idylle zerstören. Mit ihrem rauen lauten Stimmen, ihren schweren Schritten und dem klirren der schweren Ketten, mit denen sie mich fesseln werden und wegzerren werden. Wegzerren in eine Welt, die so anders ist als diese. Eine Welt in der Hitze und der rote Schimmer ihrer Höllenfeuer regiert. Glühendes Metall, scharfe Klingen, Nadeln und rohe Gewalt. In diese Welt werden sie mich wieder zerren und ihr bestialisches Lachen welches in meinen Gehörgängen widerhallt, wenn sie sich an meinen Schmerzen ergötzen und ihre Augen weiden, an den Spuren, die mein rotes Blut auf meiner bleichen Haut zeichnet. Ein Ritual welches eine Ewigkeit anzudauern scheint, ein Ritual, mit dem sie meinen Geist brechen wollen. Doch was sie nicht wissen, diese Qualen machen mir immer weniger aus und auch wenn sie sich immer weitere Qualen für meinen Körper ausdenken, sie werden immer weniger damit erreichen. Denn meinen Körper können sie brechen, doch mein Geist hat sich schon lange von seiner fleischlichen Hülle getrennt und so können sie zwar meinen Körper quälen und zerstören, doch ich treibe mit meinen Geist und Gedanken in einer anderen Welt, einer Zwischenwelt zwischen Tod und Realität. Mein neues Zuhause, wenn ich nicht in meiner dunklen Zelle verweile. Eine Welt die ich eines Tages nicht mehr verlassen werde. Und wenn es soweit ist, habe ich über sie gesiegt, dann können sie mir nichts mehr anhaben und es gibt keine Qualen, die sie sich ausdenken können, die mir noch Schmerzen zufügen könnten. Mit Sehnsucht warte ich auf diesen Tag, den Tag meiner Erlösung.
Und wieder löst sich ein Tropfen Wasser vom Stein und fällt auf den Boden und versickert zwischen den Ritzen der Steine. Meine Gedanken konzentrieren sich wieder auf den Takt der Tropfen und ich lausche diesem schönen glucksenden Klang, der Melodie der Zeit. Und wieder fällt mein Blick auf den Lichtstrahl, in dem Staubteilchen ihren bezaubernden Tanz im Rhythmus des Wassers vollführen. Ein Lächeln zeichnet sich auf meinem Gesicht ab und ich genieße die wunderbare Kälte, die meinem Körper heimsucht und wie gebannt starre ich auf das Ballet im Licht und warte darauf, daß sie wieder kommen werden.

This entry was posted on Monday, August 23rd, 2010 at 4:41 pm and is filed under Geschichten von LS. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

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