Seelenwald

August 23rd, 2010

Hell spiegelt sich das fahle Licht des weißen Vollmondes auf der ruhigen und klaren Oberfläche einer Pfütze, gesäumt von Erde und kleinen Steinen. Der blau-schwarz schimmernde Himmel bekommt einen silbernen Schleier durch das kalte Licht des Mondes. An den Rändern dieses Bildes kann man die Umrisse von Tannen erkennen. Bäume die einen Waldweg umgeben.
Der Geruch von feuchten Moosen und Walderde liegt in der Luft und aus der Ferne hört man die Laute nächtlicher Jäger. Eine Eule, die auf ihre Beute lauert und das Rascheln kleinerer Tiere ist überall zu hören. Trotzdem liegt der Wald in mystischer Stille und kein Fremdgeräusch zerstört diese Idylle.
Ein junger Mann sitzt auf einen mit Moos überwucherten Stein und genießt diese Stille. Saugt die Atmosphäre mit all seinen Sinnen auf und zeichnet mit einem abgebrochenen Ast verschiedenen Bilder und Linien in die zuvor unberührte Oberfläche der Pfütze und zerteilt mit jeder Linie das Spiegelbild. Wellen breiten sich von der Spitze des Astes aus und ziehen über diesen natürlichen Spiegel, bis sie am Rand von der Erde und den kleinen Steinen gebrochen und abgedämpft werden und nur noch als schwaches Echo wieder zurückkehren.
Als er den Ast ruhen lässt und in den Himmel schaut, beruhigt sich das Spiegelbild und zeigt die Szene wieder so deutlich, wie zuvor.
Ein Lächeln zeichnet sich im Gesicht des Mannes ab und er redet leise zu sich selber darüber was für abergläubische Narren diese Dorfbewohner doch sind. Sie erzählten ihm von diesem angeblich verhexten Ort, der Wald des Todes, wie sie ihn nannten. Wer sich hier nachts herauswagt ist des Todes, was für Narren. Angeblich sollen hier Monster und böse Geister umherziehen und in der Nacht nach Unglücklichen suchen, deren Seelen sie für immer einfangen und quälen können.
Plötzlich fängt er leise an zu Lachen, bei der Vorstellung, dass es doch tatsächlich immer noch solche primitiven Geister gibt, die an das Übernatürliche glauben. Nichts als dummer Aberglaube, sagt er zu sich selbst und lehnt sich zurück um besser den Mond betrachten zu können und die Sterne, die das Firmament überziehen und in dieser wolkenlosen Nacht wie silberweiße Juwelen leuchten und funkeln.
Immer noch amüsiert er sich über die Dorfbewohner, als er auf einmal meint einen schrillen markerschütternden Schrei zu vernehmen, wie er ihn noch nie zuvor hörte. Erschreckt setzt er sich auf und schaut sich um, um die Quelle dieses sonderbaren Lautes auszumachen. Doch als er nichts weiter hören kann beruhigt er sich wieder und will über sich selber lachen, dass er doch tatsächlich einen Moment glaubte, dass doch etwas an diesen Geschichten wahr sein könnte, als ihn dieser Schrei erschreckte.
Doch bevor er sich wieder ganz beruhigen kann, sagen ihm seine Sinne, dass etwas nicht stimmt und plötzlich erkennt er dass diese Stille um ihn herum unnatürlich ist. Wo sind die Geräusche der Waldbewohner. Kein Heulen der Eule, kein Rascheln von Kleintieren im Unterholz, nur totale Stille. Dieser Schrei, oder was immer es war, brachte jedes Geräusch des Waldes zum verstummen. Seine Miene wirkt wie versteinert, als nun doch die ersten Zweifel in seinem Kopf aufsteigen und er vergeblich nach einer natürlichen Erklärung für diesen Schrei und dieser unnatürlichen Stille sucht. Er fühlt sich immer unwohler und so langsam formen sich die Geschichten der Dorfbewohner zu einem Bild, welches die Panik, die sich in seinem Geist aufbaut, noch weiter verstärkt.
Als er diese Gedanken als Schwachsinn abstufen will fällt sein Blick auf die Wasserpfütze, die nun ohne ersichtlichen Grund konzentrische Kreise zeigt, die das Spiegelbild des Mondes aufwirbeln und verzerren. Und mit jedem seiner Herzschläge werden diese Wellen größer und unruhiger. Im Takt seines Herzschlages hört er nun zu jedem neuen Kreis, der gebildet wird ein dumpfes Aufschlagen, wie gewaltige Füße, die den Waldboden erschüttern lassen.
Er merkt, wie sich kalter Schweiß auf seiner Stirn bildet und nun hat sie ihn erreicht, panische Angst vor dem was er nie erwartet hätte. In ihm steigt der Drang wegzulaufen, doch sein Geist und Körper sind wie gelähmt und er schafft es nicht aufzustehen und wegzurennen, auch wenn das Verlangen zu Flucht immer größer wird.
Das Stampfen wird immer lauter und bilden mit jedem Schritt einen immer größer werdenden Druck auf seine Trommelfelle. Und da ist er wieder dieser schrille Schrei, der ihm das Blut in den Adern gefrieren lässt. Der Schrei, wie er ihn von einer Todesfee erwarten würde und er weiß nun, egal was sich ihm nähert, es wird ihm den Tod bringen. Er verlachte die Dorfbewohner und nun ist er dem Fluch dieses Waldes in die Falle gegangen.
Endlich hat er es geschafft sich loszureißen, aufzuspringen und loszurennen. Sein erster Schritt zerteilt den Wasserspiegel in tausende Tropfen, die in alle Richtung spritzen und das mystisch schöne Bild wurde zerstört.
Mit panischem Blick und vom Angstschweiß völlig durchnässt rennt er den Weg entlang in Richtung des Dorfes, auf dem er gekommen ist. Doch das dumpfe Stampfen wird immer lauter und der Druck auf seine Trommelfelle nimmt weiter zu. Und noch einmal dieser Schrei, diesmal so nah, dass er das Gefühl hat, wenn er sich umschaut, kann er das Monster bereits sehen. Doch seine panische Angst lässt es nicht zu, dass er sich umschaut, denn er will nur noch weg von diesem Ort. Er will am Leben bleiben und nicht ein Opfer dieses Monsters werden. Er will nicht, dass seine Seele für immer an diesen Ort gebunden ist und er bis in alle Ewigkeit dieses Grauen ertragen muß.
So schnell wie ihn seine Füße tragen rennt er über den Waldweg und einige Unebenheiten und Schlaglöcher, die er zu spät erkannte hätten ihn beinnahe zum Fall gebracht, doch er kann sich gerade noch fangen und rennt in panischer Flucht weiter. Sein Atem wird immer lauter und je mehr ihn seine Kondition im Stich lässt umso lauter wird das Keuchen, welches sich in seine Atemgeräusche mischt. Er meint mittlerweile den Atem seines Verfolgers zu hören und ein weiteres Greischen verrät ihm, dass sein Häscher immer näher kommt.
Er will es doch wagen einen Blick auf seinen Verfolger zu werfen, doch als er sogleich anfängt zu straucheln, schießt ihm durch den Kopf, daß er dies nicht wagen darf, denn wenn er fällt gibt es kein Entkommen und alles ist vorbei. Bevor er aufstehen kann hat ihn das Monster erreicht und getötet. Doch er meint ein Funkeln wahrgenommen zu haben. War es wirklich ein Funkeln? War es sogar ein rotes Funkeln? Das böse rote Funkeln diabolischer Augen?
Er weiß es nicht, die Ungewissheit jedoch verstärkt die Panik immer weiter und ein weiterer Versuch den Verfolger auszumachen könnte das Ende bedeuten.
Erneut dieser Schrei, diesmal direkt hinter ihm. Noch einmal versucht er das Tempo zu erhöhen, was ihm sogar gelingt. Doch nun zeigen sich die ersten Vorboten der Erschöpfung. Sein Blick wird immer unscharfer und ein leichtes Schwindelgefühl mischt sich unter den drückenden Schmerz in seinem Kopf.
Plötzlich gabelt sich der Weg vor ihm. Woher kam er? Kam er von links, oder von rechts? Welcher Weg ist der richtige? Er weiß es nicht mehr, Und was wird passieren, wenn er den falschen Weg wählt? Läuft er in eine Falle aus der es kein entkommen gibt?
Egal welcher Weg der richtige ist, er hat keine Zeit sich zu entscheiden und wählt den linken Weg.
Daß dies der falsche Weg ist, merkt er jedoch sehr schnell, als der Weg immer schmaler wird und sich auf einmal im Wald verliert. Doch umdrehen kann er nicht mehr, denn er spürt immer noch, dass sein Verfolger dicht hinter ihm ist. Er meint den heißen Atem seines Verfolgers in seinem Nacken zu spüren und den alles durchdringenden Blick der roten glühenden Augen, die nach seiner Seele zu greifen scheinen. Äste schlagen ihm ins Gesicht und zeichnen rote Striemen in seine Haut die sich zugleich mit einem dünnen Blutfaden füllen und der Schweiß, der in diese Wunden fließt erzeugt einen brennenden Schmerz.
Er weiß, er ist verloren, es gibt keinen Ausweg und bald kommt er nicht mehr weiter durch den immer dichter werdenden Wald.
Immer mehr Äste zeichnen ihre feinen Striche in seine Haut und ein größerer Ast bringt in fast zum Fall, als er mit voller Wucht in seinen Bauch schlägt.
Jeder Atemzug tut nun weh und die kühle Waldluft brennt in seinen Lungen. Er ist völlig außer Atem und er merkt, wie seine Füße immer schwerer werden und jeder weitere Schritt kostet ihn Überwindung. Doch er darf nicht aufgeben, sonst ist er für immer verloren.
Schweiß rinnt in seine Augen und trübt seine Sicht. Ihm wird langsam schwindlig und die ganzen Bäume um ihn herum beginnen sich zu drehen.
Er erkennt bösartige Gesichter in ihrer Rinde und die Bäume versuchen nach ihn zu greifen. Versuchen ihn aufzuhalten, damit sein Verfolger ihn endlich greifen kann.
Direkt hinter ihm erneut dieser Schrei und ein dumpfer Schmerz stoppt plötzlich seine Flucht. Sein Verfolger hat ihn erreicht und hat mit seinen Klauen seinen Körper durchdrungen. Er greift eher unbewusst nach der Stelle an der die Klaue des Monsters seinen Körper durchdrungen hat und er spürt, wie sein warmes Blut über seine Hände fließt. Unfähig sich zu bewegen wartet er auf den zweiten Schlag, der ihn das Leben nehmen wird, doch dieser bleibt aus. Warum nur? Will ihn sein Verfolger quälen und ergötzt sich an seinen Qualen?
Langsam sammelt er sich noch ein letztes mal und versucht sich von seinen Verfolger loszureißen, was ihm jedoch nicht gelingt.
Als er zur vermeintlichen Klaue herunterblickt, die seinen Brustkorb durchdrungen hat, stellt er erschrocken fest, dass er gegen einen Baum gerannt ist. Ein gewaltiger Ast, den er übersehen hat, hat seinen Brustkorb durchdrungen.
Doch da ist wieder dieser Schrei, sein Blut erstarrt und er schaut sich panisch um, da er nun weiß, dass er eh nicht mehr fliehen kann. Nun will er sehen, vor wem er geflohen ist, will die Fratze des Monsters sehen, dass ihn gejagt hat.
Doch er sieht nur einen Raben, der neben seinen Kopf auf einem Ast gelandet ist und als dieser erneut krächzt, wird ihm klar, dass er vor einem einfachen Raben geflohen ist. Ein harmloser Rabe und Panik hervorgerufen durch abergläubische Geschichten, an die er eigentlich nicht glaubte haben ihn hierher gebracht.
Ein trauriges Lächeln formt sich auf seinem Gesicht, als er langsam das Bewusstsein verliert und ihm wird die Ironie klar, die ihn das Leben kostete. Seine Phantasie spielte ihm einen tödlichen Streich, ihm der nie an diese Geschichten glaubte ist nun ein Teil dieser Geschichten geworden.
Fasst erleichtert dass ihn kein Ungeheuer und Geist jagte, bereitet er sich auf seinen Tod vor.
Kurz bevor seine Sinne komplett schinden, schaut der Rabe zu ihm hinüber und blickt ihn mit den schwarzen Augen tief in seine und plötzlich meint er ein rotes Glühen in den Augen des Rabens zu erkennen, dass immer intensiver wird.

This entry was posted on Monday, August 23rd, 2010 at 4:40 pm and is filed under Geschichten von LS. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

One Response to “Seelenwald”

  1. Sonja Says:

    Ein absolut toller Blog , ich bin generell ein fan von allem Mystischen und aussergewöhnlichen!

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